Nr. 111
Wer dieses Haus noch an seinem alten Standort gesehen hat, wird es im Schweizerischen Freilichtmuseum kaum wiedererkennen. Tatsächlich wurde das im Laufe der Zeit veränderte Gebäude in einen Zustand zurückversetzt, der dem Idealbild des Bauernhauses im Hochjura entspricht. Dem Haus fehlt zwar heute weitgehend seine individuelle Vergangenheit, es zeigt uns jedoch eine andere, allgemeinere Geschichte.
Die ältesten Partien unseres Hauses reichen ins Jahr 1617 zurück. Der grossvolumige Vielzweckbau wurde an bevorzugter Siedlungslage in La Recorne, oberhalb der heutigen Industriestadt La Chaux-de-Fonds, erstellt.
In diesem Beispiel sind alle wesentlichen Eigenheiten des Jurabauernhauses vereint. Es handelt sich um einen mit Jurakalksteinen gemauerten Vielzweckbau.
Durch ein Rundbogentor betritt man einen Vorraum, der die Zugänge zu Wohnteilen und Ställen freigibt. Die «sous-grange» ist zugleich Remise, Abstell- und Arbeitsplatz. In seinem Innern ist das Bauernhaus eine reine Holzkonstruktion, ein Ständerbau. Eine ganze Reihe von Stüden trägt das mit Schindeln belegte Dach.
In den Wohnbereich tritt man durch einen langen, dunklen Gang. Ein grosser Teil des bäuerlichen Alltages spielte sich in der Küche ab. Sie beeindruckt durch den grossen Bretterkamin, der den Rauch von Herdstelle, Stubenofen und Backofen aufzunehmen hat.
Vermutlich um 1788 wurde die gesamte Wohnstube neu gestaltet. In dieser Zeit brachte man auch das Täfer an, wobei dieses bis zum 20. Jahrhundert immer wieder ergänzt und verändert wurde.
Die Scheune wird von der rückseitig gelegenen Hocheinfahrt her erschlossen. Im grossen Dachraum befinden sich zwei kistenartige Räume. Ein Speicher diente zur Aufnahme des Brotgetreides, Viehfutters und Saatgutes. Die kleine Kammer bot Dienstboten und Erntearbeitern Unterkunft.
Vor allem im Wohnteil haben die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen des 18. Jahrhunderts deutliche Spuren hinterlassen. Die Uhrmacherei brachte Wohlstand und weltstädtisches Ambiente in den Hochjura.
Das Haus von La Recorne widerspiegelt ein Stück jurassischer Wirtschaftsgeschichte. Im frühen 17. Jahrhundert lebten seine Bewohnerinnen und Bewohner vor allem von der Selbstversorgung, pflanzten Getreide an und hielten nur wenig Vieh. Zeugnisse aus dieser Zeit sind Kornspeicher und Dreschtenn. Im ausgehenden 17. Jahrhundert gewannen im Hochjura Milchwirtschaft und Viehzucht an Bedeutung, was im Haus von La Recorne zum Einbau eines grossen Käsekellers führte. Der Hartkäse wurde vorzugsweise nach Frankreich exportiert.
Eine Generation später trat die Heimindustrie in Erscheinung. Vor der Uhrmacherei wurde in den Bauernstuben geklöppeIt. Eine Ausstellung im Haus zeigt die Entwicklung der Uhrmacherei von der Heimarbeit bis zum Übergang zur Fabrikindustrie im 19. Jahrhundert.
Die natürlichen Wasservorkommen des Hochjuras sind beschränkt. Bäche fliessen bloss in den Talböden, und im wasserdurchlässigen Kalkboden versickert der Regen schnell. Man ist also gezwungen, das kostbare Nass aufzufangen und aufzubewahren. Die ideale Lösung bietet die Zisterne von La Chaux-de-Fonds NE (Nr. 112), in die über hölzerne Kännel und Rinnen das vom Dach abfliessende Wasser geleitet wird. Eingetieft in den Boden, überdeckt von einem grasbewachsenen Gewölbe und mit einer dicken Lehmschicht ausgekleistert, schützen die Zisternen vor der Sonnenwärme, dem Verdunsten und vor Verunreinigungen.

