Berner Mittelland | Bauernhaus von Ostermundigen BE (1797)


Nr. 331
Das Haus von Ostermundigen ist geschichtsträchtig im doppelten Sinne: einerseits als Gebäude an sich, andererseits aber war dieses Haus eines der ersten, das auf den Ballenberg versetzt wurde, und damit verkörpert es ein Stück Museumsgeschichte.

Die Entstehungsgeschichte dieses grossen Bauernhauses von Ostermundigen ist auf einer Inschrift über dem Tenntor dargestellt: «Ein Starkes feür die ursach war, Dass diss Haus war gebaut hiehar. Ein Haus dass gestanden war, weit über Zweyhundert Jahr, und ist den Dritte April 1797 in die Aschen Verwandelt worden». Bauherr war, so erzählt die Inschrift weiter, Trüllmeister (Instruktionsoffizier) und Kapitänleutnant Bendicht Gosteli; dem Baumeister Niklaus Althaus von Vechigen BE verdankt das Haus seine prachtvolle Erscheinung.

Trotz seines späten Baudatums ist dieses Bauernhaus noch von durch und durch barocker Erscheinung. Durch seine graue Bemalung möchte der Holzbau nämlich nichts anderes als einen vornehmen und bürgerlichen Steinbau vortäuschen. Bereits das behäbige Äussere spiegelt mehr vor, als das Innere zu erfüllen vermag. Die drei Wohnräume im Erdgeschoss sind nach dem Vorbild barocker Landhäuser in repräsentativer, jedoch für den täglichen Gebrauch eher unpraktischer Folge aufgereiht. Die Schlafkammern im Obergeschoss geben den gleichen Grundriss wieder, was über der gleichzeitig als Hausgang dienenden Küche zu gefangenen Räumen (Gaden) führt.

Reiche Bauersleute wohnten und wirtschafteten nicht immer praktisch. Oft verhinderten Traditionen und Prestige-Denken eine rationelle Nutzung. Auch der Erbauer des Ostermundiger Hauses liess sich bei der Planung eher von seinem Repräsentationsbedürfnis als von rationalen Überlegungen leiten.

Die Abfolge der Wirtschaftsräume ist für das Bauernhaus des Berner Mittellandes im ausgehenden 18. Jahrhundert charakteristisch. Die Zulieferung von Heu und Getreide erfolgt über eine aufwendig gemauerte Hocheinfahrt. In der Nähe des Wohnteils, unmittelbar angrenzend an die Küchenstube, befindet sich der Pferdestall. Die ebenerdige, mit einem Lehmboden versehene Dreschtenne dient ausserhalb der Erntezeit auch als Wagenremise. Der Kuhstall befindet sich im hintersten Bereich des Hauses.

Die Konstruktion des Hauses mutet ausgesprochen elegant an und liegt, besonders was die Breite der Vordächer betrifft, jenseits des statisch Vernünftigen. Dennoch hat das Dach, wenn auch gesichert durch Hilfskonstruktionen, den an seinem neuen Standort noch wesentlich grösseren Schneelasten standgehalten. Im Umkreis von Bern lassen sich noch zahlreiche ähnliche Bauten entdecken, die jedoch kaum mehr landwirtschaftlich genutzt werden.

Farbe statt Sandstein
Ostermundigen ist seit vielen Jahrhunderten bekannt für seine Sandsteinbrüche. Es ist somit naheliegend, dass der reiche Bauer Bendicht Gosteli dieses kostbare Material zum Aufbau seines Hauses verwenden liess. Allerdings sind nur das Kellergewölbe, der hintere Teil des Erdgeschosses und die Hocheinfahrt mit Steinblöcken erstellt worden. Die prunkvolle Hauptfassade täuscht durch ihre graue Bemalung das edle Baumaterial nur vor.
Für das bäuerliche Architekturverständnis in der Zeit um 1800 war Materialechtheit eine Nebensache. Allein der Gesamteindruck eines Bauwerkes war entscheidend. Es musste möglichst gross, bunt und prächtig sein. Da die kunstvoll gegliederte Fassade aus technischen Gründen nicht in Sandstein errichtet werden konnte, imitierte man die Formen und Profile von Steingewänden aus Holz.