Nr. 351
Obwohl bei diesem Prototyp eines Emmentaler Bauernhauses auf den ersten Blick einige offensichtlich neuzeitliche Holzstrukturen ins Auge fallen, sind die wesentlichen Teile der Originalkonstruktion doch erhalten geblieben. In seinem Emmentaler Herkunftsort Eggiwil ist das Heimwesen, zu dem das Gebäude gehörte, unter dem Namen «Grosstanne» bekannt.
Der ehedem auf 890 Meter ü.d.M. gelegene, für das Oberemmental charakteristische Einzelhof und Vielzweckbau vereint unter seinem mächtigen, beidseitig abgewalmten Giebeldach sämtliche Funktionen des Wirtschaftens und Wohnens.
Der stehende Dachstuhl des Bohlenständerbaues war zur Zeit des Abbruches bis auf den rückseitigen Vollwalm, der – wahrscheinlich im späten 19. Jahrhundert – zugunsten einer Firstverlängerung entfernt worden war, noch vollständig erhalten. Da der ursprüngliche Zustand noch deutlich ablesbar war, hat man sich beim Wiederaufbau im Museum entschlossen, den Wirtschaftsteil sowie die Fensterreihen des Wohngeschosses dementsprechend zu rekonstruieren.
Die zwischen den beiden giebelseitigen Stuben gelegene Küche mit ihren zwei offenen Feuerstellen ist bis 1974 so benutzt worden! Über die steile Treppe in der Küche gelangt man auf die dreiseitig umlaufende Laube, die wiederum einen Vorratsgaden und einen im Haus eingebauten Speicher erschliesst. Letzterer legt den Schluss nahe, dass im 17. Jahrhundert auch in dieser Höhenlage noch Getreide angepflanzt wurde. Es waren nämlich nicht, wie man meinen könnte, Viehzucht und Milchwirtschaft, welche die Landwirtschaft im hügeligen Emmental dominierten, sondern lange Zeit lag das Schwergewicht auf dem Ackerbau.
Im Emmental des 17. Jahrhunderts begannen sich von der bis dahin üblichen bäuerlichen Selbstversorgung zwei Erwerbszweige abzuspalten, die der Region eine z.T. über 200 Jahre anhaltende wirtschaftliche Blütezeit bescherten: die Leinenweberei und der Export des berühmten Emmentaler Käses. Zum reichen architektonischen Erbe jener Epoche gehört auch das Bauernhaus von Eggiwil.
Nach dem berüchtigten Hungerjahr von 1817 begann die bis dahin von den Bauern mit Skepsis betrachtete Kartoffel das Korn zu verdrängen.
Die Produktion des zum kulinarischen Markenzeichen gewordenen «Emmentalers» erfolgte bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu ausschliesslich auf den von so genannten «Kühern» betreuten Alpen. Der Handel mit dem im In- und Ausland begehrten Käse jedoch blieb hauptsächlich reichen Talbauern und Stadtbürgern vorbehalten.
Auf die ehemals grosse Bedeutung der Leinenweberei als zusätzliche Erwerbsquelle für den bäuerlichen Haushalt verweist der im Keller eingerichtete Webstuhl.
Eine für seine Herkunftsregion typische Ergänzung findet das Eggiwiler Bauernhaus in dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Käsespeicher von Wasen BE (Nr. 352).
Altersversorgung im Emmental – der «Schleiss»
Mit den beiden Feuerstellen in der zentral gelegenen Küche hat es eine besondere Bewandtnis. Die eine davon gehörte nämlich zum «Schleiss». Der Schleissvertrag regelte das Wohnrecht und die Nahrungsversorgung des Altbauern und der Altbäuerin, welche die Hofnachfolger zu gewähren hatten. Entgegen der landläufigen Meinung ist das separate Stöckli als Sitz für die greisen Eltern eine verhältnismässig späte Erscheinung. Die durch den Schleiss bestimmte Bleibe befand sich meist im Haupthaus, wobei der Wohnraum zwischen Jung und Alt in zwei Bereiche aufgegliedert wurde (auf dem Plan grau eingezeichnet). Die Küche wurde gemeinsam genutzt, jede Partei hatte jedoch ihre eigene Feuerstelle, um den «Konfliktherd» möglichst gering zu halten.

