Berner Mittelland | Handwerkerhaus von Herzogenbuchsee BE (1778)


Nr. 381
Das Handwerkerhaus von Herzogenbuchsee dokumentiert den Übergang vom Bauern- zum Bürgerhaus. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Vor- und Frühindustrialisierung.

Im Oberaargau des 18. Jahrhunderts bestand der ländliche Mittelstand aus Kleinunternehmern und Textilhandwerkern. Bereits im 17. Jahrhundert hatte sich die Leinenweberei zum bedeutendsten Erwerbszweig neben der Landwirtschaft entwickelt. Wie sie in Lohnarbeit zu Hause betrieben wurde, ist in der Nebenstube des Bauernhauses von Madiswil BE (Nr. 321) sowie in den Webkellern der Häuser von Eggiwil BE (Nr. 351) und Wattwil SG (Nr. 931) dargestellt. Um 1770 gerieten die ländlichen Leinenweber unter starken Konkurrenzdruck, und die Kleinunternehmer, die diesen Wirtschaftszweig bis anhin bestimmt hatten, mussten sich nach anderen Produktionsmöglichkeiten umsehen.
Einer unter ihnen war Johann Jakob Baur, Bürger von Herzogenbuchsee. Er richtete im Mai 1777 ein Gesuch zum Neubau eines Handwerkerhauses an Obrigkeit und Gemeinde. Als Bauplatz wählte er eine alte Sandgrube ausserhalb des Dorfes unmittelbar neben der neu erstellten Landstrasse von Bern nach Zürich. Das Baugesuch erregte viel Aufsehen, und erst durch die Unterstützung von einflussreichen Freunden erhielt Johann Jakob Baur die Baubewilligung

Der Bauherr kombinierte den Grundriss einer landläufigen Kleinbauernwohnung mit quadratischen, hellen Ateliers. Im Gegensatz zu zeitgenössischen Häusern, in denen Heimarbeit oder -industrie betrieben wurde, sind Wohn- und Arbeitsstätten räumlich bereits getrennt.

Sein Haus unterscheidet sich denn auch grundlegend von jenen Bauern- und Bürgerhäusern, an die man bis anhin im Oberaargau gewöhnt war. Es ist nicht mehr ausschliesslich in Bohlenständer-, sondern mehrheitlich in Fachwerkkonstruktion ausgeführt. Grosse Fenster bringen Licht in die Innenräume. Das hoch gesetzte Walmdach ist mit Ziegeln bedeckt. Unverkennbar ist auch die Eleganz des Gebäudes, das sich mit seiner Farbgebung deutlich von den niedrigen, braun gebrannten Bauernhäusern abgehoben hat. Zahlreiche Kostbarkeiten wie Böden mit Einlagen aus Hartholz und prächtige Kachelöfen weisen auf den Reichtum der Bewohner hin.
In den Bauakten bezeichnet sich Johann Jakob Baur als «Strumpfwirker». Tatsächlich dürften über längere Zeit hinweg in diesem Gebäude Strümpfe hergestellt worden sein.
Beide Hauptgeschosse sind in gleich grosse Räume unterteilt. Quergänge trennen die Ateliers von den Wohnungen ab. Trotz der modernen Erscheinung mutet noch vieles an diesem Haus altertümlich an. So fehlt eine Innentreppe, und die weniger repräsentativen Bereiche sind in Bohlenständerbauweise konstruiert. Unter dem Wohnteil befindet sich ein Keller mit Sandsteingewölbe. Die Farbgebung im Innern und Äussern erfolgte nach genauen Untersuchungen der ursprünglichen Bemalung. Hauptanziehungspunkt dieses Hauses ist für viele Besucher die im Erdgeschoss eingerichtete «Historische Drogerie».