Nr. 361
Das Haus von Burgdorf stellt im Museumskonzept die berühmte Ausnahme von der Regel dar, denn es ist kein ländlich-bäuerlicher Bau im eigentlichen Sinne, sondern eine herrschaftliche Villa, bei deren Fassadengestaltung ein ländlicher Baustil imitiert wurde.
Der Textilfabrikant Hans Schafroth hatte dieses prächtige Gebäude 1872 inmitten eines parkähnlichen Gartens für sich und seine Familie errichten lassen. Der Wert des so genannten «Chalet Schafroth» als schützenswertes Baudenkmal liegt vor allem in seinem äusseren Erscheinungsbild: es ist eine der ersten von vielen Herrschaftsvillen im Chaletstil. Angeregt durch stark idealisierte Vorstellungen vom freien, glücklichen Dasein der Hirten, Sennen und Bauern, drückte die vornehme Gesellschaft ihre Begeisterung für das idyllische Landleben u.a. durch den Bau solcher «Schweizerhäuser» aus. Bei deren Innenausstattung wurden die weniger romantischen Aspekte bäuerlichen Wohnens allerdings vermieden.
Die Kehrseite jener von einer städtischen Oberschicht gepflegten «Laubsägeli-Architektur» trat im Falle des Schafroth’schen Besitzes nur wenige Meter entfernt zutage. Dort lagen die engen Behausungen der oft am Rande des Existenzminimums lebenden Fabrikarbeiter und ihrer Familien, die sich – Ironie des Schicksals – nicht selten aus verarmten Landleuten rekrutierten.

