Nr. 221
Das «Aargauer Strohdachhaus» ist einer der populärsten und bekanntesten Haustypen unseres Landes. Eigentliche Strohdachhäuser gibt es im Aargau und seinen Nachbarkantonen nur noch ein knappes Dutzend. Sie werden sorgfältig betreut, gepflegt und mit viel Aufwand unterhalten.
Wer auf Nebenstrassen durch den Aargau fährt, entdeckt alte Bauernhäuser, die in Form und Proportionen an traditionelle Strohdachhäuser erinnern. Tatsächlich gibt es Hunderte von Bauernhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die noch bis vor wenigen Generationen mit Stroh eingedeckt waren. Der Auszug der Landwirtschaft aus den Dörfern hat sie jedoch zumeist ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet. Auch das Vielzweckhaus von Oberentfelden war vor der Übernahme ins Schweizerische Freilichtmuseum mit Ziegeln gedeckt.
Seine Konstruktion weist nur geringe Unterschiede zum benachbarten, etwa 100 Jahre jüngeren Vielzweckbau aus Madiswil BE (Nr. 321) auf. Es handelt sich um einen Bohlenständerbau, der auf Grundschwellen aus Eiche ruht. Drei mächtige Hochstüde tragen das zeltförmige Dach, die Wände sind mit Bohlen aus Tannenholz ausgefacht.
Das einheitliche, abgerundete Erscheinungsbild dieses Hauses täuscht. Es wurde schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts erstmals umgebaut. Die Rekonstruktion im Museum gibt den Zustand des frühen 18. Jahrhunderts wieder.
Die ältesten Schwellen stammen gemäss der dendrochronologischen Untersuchung aus dem Jahr 1609. Das Haus dürfte im Frühsommer 1610 aufgerichtet worden sein. Schon beim Abbau sorgte eine Entdeckung für Aufsehen. Man konnte eindeutig feststellen, dass der gemauerte «Stock» neben der Küche nachträglich ins bereits bestehende Gebäude eingefügt wurde. Holzuntersuchungen dieser Partien belegten denn auch, dass der «Stock» 1627 errichtet worden war. Als gemauerter Speicher schützt er die Habe des Bauern, seine Wertgegenstände und vor allem das Saatgut. Er ist – in unsicheren Zeiten entstanden – weitgehend einbruchsicher und dürfte auch im Brandfall wenigstens einen Teil des Wertvollsten geschützt haben.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gebäude mehrfach repariert und umgebaut. Um 1820 ersetzte man die baufällige Hauptfassade durch eine Mauer. In einer letzten Bauphase teilte man den Wohnbereich in zwei Haushaltungen. Zwischenwände und Kaminzüge wurden eingefügt. Aus einem Anbau auf der Rückseite entstanden zusätzliche kleine Wohnräume. Beim Abbau des Hauses entschlossen wir uns, die Situation des 17./18. Jahrhunderts wiederherzustellen.
Während bei einem Vielzweckbau das Grossvieh im in das Hauptgebäude integrierten Stall untergebracht ist, hat man die Schweine gerne in einem separaten Stall wie unserem Schweinestall von Brugg AG (Nr. 222) untergebracht.
Die Schönheit «weicher» Dächer
Noch vor etwas mehr als 100 Jahren glichen die Aargauer Dörfer aus der Ferne betrachtet einem Zeltlager. Grossvolumige Strohdachhäuser gruppierten sich malerisch um die Dorfkirche. Strenge Versicherungsvorschriften und überhöhte Prämien führten innerhalb von wenigen Jahrzehnten zum fast gänzlichen Verschwinden dieser traditionellen Dachform.
Heute mögen weniger als ein Dutzend Bauten in den Kantonen Aargau, Solothurn und Zürich noch mit «weichem» Material überdacht sein. Mangels Stroh und geübter Strohdachdecker verwendeten Heimatschutz und Denkmalpflege in der letzten Zeit das strapazierfähigere Schilf zum Neueindecken der von ihnen betreuten Bauten.
Im Schweizerischen Freilichtmuseum wurde der Versuch gewagt, mit einer Mischkonstruktion aus Stroh und Schilf dem ursprünglichen Charakter dieser faszinierenden Dächer gerecht zu werden.

