Zentrales Mittelland | Bauernhaus von Leutwil AG (1803)


Nr. 231
Das kleine Haus eines Tagelöhners aus Leutwil, der nicht von seiner Landwirtschaft leben konnte, steht dem mächtigen Haus eines vermögenden Vollbauern aus Oberentfelden AG (Nr. 221) direkt gegenüber. Im Nebeneinander der beiden Aargauer Strohdachhäuser kann man soziale und wirtschaftliche Unterschiede besonders augenfällig erkennen.

Am 10. August 1802 fielen in Leutwil sieben Häuser einem Dorfbrand zum Opfer, u.a. auch der Vorgängerbau des Hauses «im Zopf». Das Baudatum 1803, zusammen mit Zimmermannswerkzeugen auf das Scheunentor gemalt, be-zeugt den sofortigen Wiederaufbau. Auftraggeber war sehr wahrscheinlich Heinrich Aeschenbach, «Schmidheiri» genannt. Seit 1819 waren mit einem kurzen Unterbruch ausschliesslich Angehörige
der Familie Gloor Eigentümer der Liegenschaft. Während 60 Jahren war das Haus im Besitz von Frauen.
In den letzten fast 40 Jahren blieb das Haus unbewohnt. Dies hatte den Vorteil, dass die Originalsubstanz weitgehend erhalten blieb. Das Vielzweckhaus vereint Wohnteil, Stall, Tenn und Speicherraum unter einem Dach. Die Wohnverhältnisse waren eng und bescheiden, und das tief heruntergezogene Dach liess nur wenig Licht in die Wohnräume. Der Kachelofen, der wahrscheinlich bereits mit dem Bau des Hauses erstellt worden war, sorgte immerhin für etwas Wärme und Gemütlichkeit. Eine Inschrift von 1734 zeigt, dass Kacheln von einem älteren Ofen Wiederverwendung fanden.
Bei keinem andern Haustyp nimmt das Dach eine derart dominante Stellung ein wie beim Strohdachhaus. Mit seinem inneren Gefüge, der Hoch-studkonstruktion, verkörpert es eine urtümliche Form des Bauens, die im Laufe der Jahrhunderte eine zimmermannstechnische Perfektionierung erfahren hat.

In Leutwil war in der Zeit um 1800 ein Drittel der Bevölkerung in der Textilproduktion tätig und arbeitete vorwiegend mit Baumwolle. Infolge der Mechanisierung der Weberei ging diese Tätigkeit jedoch bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts massiv zurück.

Teilweisen Ersatz boten die Strohflechterei, insbesondere die Hutgeflechtindustrie, und die Tabakverarbeitung. Der letzte Bewohner des Hauses, der 1964 verstorbene Adolf Gloor, bezeichnete sich als Landarbeiter. Im Sommer half er verschiedenen Bauern beim Heuen, und im Winter arbeitete er im Wald. An Tieren hielt er nur noch Kaninchen und Katzen, daneben pflegte er den 4,3 Ar grossen Baum- und Pflanzgarten, der zum Haus gehörte.
Es gehört zu den Aufgaben und Bestrebungen des Freilichtmuseums Ballenberg, nicht nur die voluminösen Prachtbauten der ländlichen Architektur zu erhalten und zu zeigen, sondern auch die Wohnsituation der Kleinbauern und Tagelöhner. Im Vergleich der zwei architektionisch verwandten und doch so unterschiedlichen Strohdachhäuser werden die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede auf eindrückliche Weise sicht- und spürbar. Da die originale Ausstattung und das Mobiliar bei der Übernahme des «Zopfhüsli» nicht mehr vorhanden war, wird im Innern des Hauses das Korberhandwerk gezeigt. Dieses Handwerk passt sehr gut in ein Taglöhnerhaus und schafft zudem einen Bezug zu der Ausstellung über die Fahrenden, die in den weiteren Räumlichkeiten zu sehen ist.

Charly Rudolf – ein Fahrender in der Schweiz
Die Fahrenden bilden einen wesentlichen Teil der ländlichen Kultur in der Schweiz. Früher versorgten sie die Bevölkerung mit Erzeugnissen für den täglichen Bedarf, flickten Hausrat und brachten Neuigkeiten in die abgelegenen Gebiete. Es war ein Glücksfall, als Karl Rudolf (1927–1998), schlicht Charly genannt, seine Sammlung dem Ballenberg als Schenkung anvertraute. Teilweise selbst angefertigt, zeugen die Gegenständen aus erster Hand von der Kultur der Jenischen. Vielleicht das schönste Objekt ist die Schürze, die Charly zuletzt, mittlerweile sesshaft, als Schmuck in seinem Wohnzimmer aufgehängt hatte. In jüngeren Jahren war er regelmässig mit Ross und Wagen auf ausgedehnter Wanderschaft durch die Deutschschweiz unterwegs gewesen. Die Ausstellung wird durch die schwere, fahrbare Messerschleiferei des Josef Righi (1926–2000) aus Sachseln OW ergänzt.

Reiche Bauersleute – arme Bauersleute
Die meisten Vorstellungen von der ländlichen Vergangenheit orientieren sich an der Lebensweise reicher Bauersleute – und an wirtschaftlich guten Zeiten. Bei näherer Betrachtung verdüstert sich jedoch das Bild, denn die Lebens- und Arbeitsbedingungen anno dazumal waren oft hart und beschwerlich.
Nicht alle Aspekte des ländlichen Lebens lassen sich im Freilichtmuseum aufzeigen. Not, Armut und Krankheit können nur in Ansätzen dargestellt werden, denn die Häuser der armen Leute haben die Jahrhunderte kaum überdauert und ihre Gegenstände wurden von späteren Generationen selten aufbewahrt. Steht man jedoch in der engen Küche eines Taglöhnerhauses, wird das bedrückende Leben der armen Leute spürbar. Die Architektur, die Raumverhältnisse und die Einrichtungen vermitteln zumindest eine Ahnung von den Lebensverhältnissen der Bewohnerinnen und Bewohner.
Ein Vergleich des Bauernhauses von Ostermundigen BE (Nr. 331) mit dem Taglöhnerhaus von Detligen BE (Nr. 371) macht es augenfällig: hier an bester Lage das repräsentative, mit kostspieligen Malereien verzierte Ostermundiger Gebäude mit seiner gediegenen Einrichtung, seinen stattlichen Wirtschaftsräumen, der grosszügig gestalteten Einfahrt – dort das an einen schattigen Hang hingeduckte Taunerhäuschen, erbaut mit dem kleinstmöglichen Aufwand an Kosten und Material; die Räume eng und nieder, um Brennstoff zu sparen, und mit einem Stall, in dem gerade zwei Ziegen, die «Kühe des armen Mannes», Platz fanden.
Oder vergleichen Sie die Ausmasse der beiden Strohdachhäuser im Zentralen Mittelland (Baugruppe 2). Eigentlich unterscheiden sich Konstruktionsweise und Raumaufteilungen des Bauernhauses von Oberentfelden AG (Nr. 221) von jenem von Leutwil AG (Nr. 231) nur unwesentlich. Doch die Grössenunterschiede sind enorm! Während der Dachraum, der Platz für das eingebrachte Getreide bot, beim Gebäude von Oberentfelden 7 Meter hoch ist, sind es beim Haus von Leutwil lediglich 4,5 Meter. Auch im Wohnteil zeugen die unterschiedlichen Flächen von sozialen Unterschieden.
Enge Wohnverhältnisse herrschten auch im Haus von Blatten VS (Nr. 1111). Die Stube, der einzige beheizbare Wohnraum, in der sich im Winter die ganze (Gross-)Familie und teilweise gar Klein- und Jungtiere aufhielten, hat eine Grundfläche von knapp 3,5 auf 3,5 Metern.
Für Kinder und Jugendliche, die sich mit den sozialen Unterschieden vertieft befassen möchten, bieten wir den Rundgang «Arm und Reich vor 200 Jahren» an. Die spannenden Fragen ermöglichen einen ebenso lehrreichen wie spielerischen Entdeckungsspaziergang durch die Baugruppe Berner Mittelland. Der Rundgang ist an den Kassen erhältlich.