Nr. 751
Das rund 670-jährige Wohnhaus aus Schwyz ist das älteste Gebäude im Freilichtmuseum Ballenberg und eines der ältesten Schweizer Holzhäuser überhaupt. Als Zeitschnitt für die Präsentation im Museum wurde das Jahr 1400 festgelegt.
Die Holzaltersbestimmung ergab eindeutig, dass das «Haus am Landsgemeindeplatz» in den 1330er Jahren erstellt wurde. Das spätmittelalterliche Gebäude entspricht dem damals typischen Innerschweizer Blockbau, bei dem der Grundriss in zwei Raumtiefen aufgeteilt und das Haus von einem schwach geneigten Dach eingedeckt ist.
Die Rückführung des Hauses auf den Zustand von 1400 hat einige Fragen aufgeworfen, die nicht alle schlüssig beantwortet werden konnten. So waren die Hinweise auf die ursprüngliche Befensterung der vorderen Giebelseite äusserst spärlich. Lediglich in einer Kammer im Obergeschoss konnte die Luke rekonstruiert werden. Die übrige Befensterung entspricht dem frühen 18. Jahrhundert. Auch von der ursprünglichen Feuerstelle war nichts mehr zu finden. Allein Spuren an der Wand gaben wenigstens den Hinweis, wo sie sich befand. Die Rekonstruktion erfolgte nach archäologischen Beispielen aus der Zeit.
Die spärlichen schriftlichen Quellen zum Haus erwähnen keine Nebengebäude wie Stall oder Scheune. Das weist darauf hin, dass die Hausbewohnerinnen und Hausbewohner ihr Auskommen nicht ausschliesslich in der Landwirtschaft gefunden haben. Der Umstand, dass ein Ofen bereits beim ersten Umbau um 1400 eingerichtet wurde, zeugt von einem gewissen Wohlstand.
Das Haus bietet – nicht zuletzt aufgrund des hohen Alters – einige überraschende und spannende Details. So ergaben z.B. die historischen Bauuntersuchungen, dass das ganze Haus nur 60 Jahre nach dem ursprünglichen Aufbau neu untermauert wurde. Hierfür musste man das ganze Gebäude anheben.
Auch im Haus selbst gibt es einige interessante Entdeckungen zu machen. So ist vom Gang zur Stube eine fensterartige Öffnung angebracht, die zu Spekulationen verleitete. Im Volksmund nennt man solche Öffnungen «Pestlöcher». Während der Pestzeit habe man die Kranken in der Stube eingesperrt und ihnen hier das Essen durchgereicht. Da diese Vorrichtung nur bei spätmittelalterlichen Häusern vorkommt, konnte man in dieser Erklärung eine gewisse Logik sehen, bis sich eindeutig herausstellte, dass es sich bei der vermeintlichen Durchreiche um die Öffnung zu einem Wandschrank handelte. Eine bautechnische Besonderheit, die in der Innerschweiz nur an spätmittelalterlichen Häusern vorkommt, sind die aussenbündigen Bodenbohlen. Fast im gesamten Vorderhaus sind die über 660-jährigen originalen Böden noch erhalten.
Von grosser Bedeutung für die Geschichte des ländlichen Alltags ist der frühe Beleg einer Abortanlage in einem Bauernhaus. Direkt neben der Tür zur seitlichen Laube befindet sich ein weiterer Ausgang, der eindeutig aus der Bauzeit stammt und ebenso eindeutig als Zugang zu einem Plumpsklo identifiziert werden konnte. In der Kammer neben der Stube fällt eine kleine Öffnung in der Aussenwand auf. Untersuchungen haben ergeben, dass an dieser Stelle vorübergehend ein «Pissoir» eingerichtet war. Wurde es für einen bettlägerigen Patienten angebracht?
Erstmals fassbar wird die Liegenschaft 1567. Damals ist ein Hans Imlig als Besitzer genannt. Nach vielen weiteren Handwechseln kaufte Karl Reichmuth 1917 das Haus. Bis zur Übernahme auf den Ballenberg blieb es in der Folge im Besitz dieser Familie, die es ab 1987 an Gastarbeiter vermietete.
Neues Ausstellungskonzept
Bei der Präsentation des spätmittelalterlichen Hauses beschritten die Museumsverantwortlichen neue Wege. Da aus der Bauzeit heute fast keine originalen Möbel mehr zu finden sind, verzichtete man vollständig auf die Ausstattung der Räume. Im Vordergrund stehen die Vermittlung des Raumgefühls und der Lichtverhältnisse. Der Eindruck von «viel Raum, wenig Licht», der für das «Haus am Landsgemeindeplatz» so typisch ist, soll erfahrbar sein. Die von Russ und Rauch geschwärzten Wände und Decken lassen die Räume rund um das Küchenfeuer selbst bei Tageslicht finster und höhlenartig erscheinen. An der westlichen, nördlichen und östlichen Aussenwand bestehen lediglich kleine, lukenartige Öffnungen, die eher der Belüftung als der Belichtung dienen. Die Luken konnten in der Winterzeit mit einem Brett oder einem Tuch verschlossen werden.

