Nr. 931
Das Holz dieses aus dem toggenburgischen Wattwil stammenden Hauses wurde 1450 und 1454 geschlagen. Zusammen mit dem aus der gleichen Zeit stammenden Geburtshaus des Reformators Ulrich Zwingli in Wildhaus SG stellt es eines der wenigen spätmittelalterlichen Zeugnisse ländlicher Architektur der Ostschweiz dar.
Die Zeitläufe sind nicht spurlos am Gebäude vorübergegangen. Immer wieder wurde um- und ausgebaut, geflickt und ergänzt. Im 16. oder 17. Jahrhundert wurde ein für diese Zeit und Region charakteristischer, d.h. feuchter, ungesunder Webkeller eingerichtet. Die damaligen Bewohner – sie gehörten zur breiten Schicht der so genannten «kleinen Leute» – bestritten einen beträchtlichen Teil ihres kärglichen Einkommens, indem sie in Lohnarbeit Baumwollgewebe herstellten.
Ende des 18. Jahrhunderts präsentiert sich der ursprüngliche Bohlenständerbau mit «Tätschdach» als ein hochgiebliges, verschindeltes Kleinbauernhaus. Die früher vereinzelt angewandte Idee, ein Gebäude auf einen idealtypischen Zustand zurückzuführen, wurde im überarbeiteten wissenschaftlichen Konzept weitgehend aufgegeben.
Heute ist man vielmehr bemüht, beim Wiederaufbau die architektonischen Veränderungen und Entwicklungen eines Hauses und damit bis zu einem gewissen Grad auch die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jener Epochen nachzuvollziehen. Beim Wattwiler Haus jedoch liess sich dieser Grundsatz nicht konsequent verfolgen. So war es aus statischen Gründen z.B. nicht möglich, den 1748 aufgesetzten Steilgiebel wiederherzustellen, denn diese nur notdürftig zusammengefügte Konstruktion wäre den auf dem Ballenberg öfters auftretenden heftigen Föhnstürmen nicht gewachsen gewesen.
Auch bei der Inneneinrichtung verzichtete man auf eine hypothetische spätmittelalterliche Ausstattung, wie sie der äussere Eindruck vielleicht nahe legen könnte.
Bauernmöbel – begehrte Zeugen der Vergangenheit
Die eigentliche Stilgeschichte der Bauernmöbel beginnt in der Schweiz mit den Impulsen einer verspäteten Renaissance. Ihre Formen treten in Friesen, eingeschnittenen Verzierungen und einfachen Intarsien in Erscheinung. Aus dem 16. Jahrhundert stammen die ersten jener prächtigen Buffets, die sich in den Stuben der Innerschweizer Bauernaristokratie finden lassen. Erst im 17. Jahrhundert scheint sich auch in Kreisen des bäuerlichen Mittelstandes dieses charakteristische Möbel durchgesetzt zu haben. Das Buffet vereint die Funktionen von Schrank, Regal (Anrichte) und Waschgelegenheit (Giessfassnische). Es ist in die Stube eingepasst und oft in die Täferung integriert. Zwischen Renaissance und Frühbarock kann für den Bereich des ländlichen Möbelhandwerks kaum eine klare Grenze gezogen werden. Renaissanceformen finden sich bis ins 18. Jahrhundert. Oft gleitet der Frühbarock nahezu übergangslos in das von der Volkskunst bevorzugte Rokoko hinüber. Gleichzeitig erfolgt eine Zuwendung zu französischen Möbelformen. Die am Hofe von Ludwig XIV. entwickelte Kommode begann ihren Siegeszug in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in den Bauernhaushaltungen. Ihr folgen Himmelbett und Kanapee. Bemalte Möbel treten im Alpenraum vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in Erscheinung. In der Schweiz stammen die schönsten bemalten Bauernmöbel aus den beiden Appenzell, dem Toggenburg und dem Kanton Bern. Ein ebenfalls sehr später Rokokostil bringt Anregungen zur figürlichen Malerei. Der Hochzeitsschrank zeigt z.B. Darstellungen des Brautpaares, seines Besitztums, aber auch Szenen aus der grossen Weltgeschichte. Es ist eine bunte, farbenfrohe Epoche der Volkskultur, die uns auch in einem lebendigen Brauchtum entgegentritt.
Bauernmöbel – gefährdete
Kulturgüter
Gerade wegen ihrer grossen Beliebtheit zählen Bauernmöbel heute zu den am meisten gefährdeten Kulturgütern. Seit mehr als 100 Jahren werden sie ebenso von wohlmeinenden Sammlern wie von skrupellosen Händlern den bäuerlichen Haushaltungen entrissen. Zudem sind nur noch einige wenige Restauratoren in der Lage, sie fachgerecht zu erhalten und zu pflegen. Seit nahezu 100 Jahren sind auch Fälscher am Werk, was es heute nahezu unmöglich macht, die Echtheit eines Möbelstückes, über dessen Herkunft man keine Gewissheit hat, zu überprüfen.
Das Museum möchte möglichst viele originale und vorbildlich restaurierte Bauernmöbel der Öffentlichkeit zugänglich machen.

