Westliches Mittelland | Bauernhaus von Lancy GE (1762/1796/1820)


Nr. 551
Das Vielzweckhaus von Lancy ist eines der grössten und aufwendigsten Objekte des Schweizerischen Freilichtmuseums. Es soll der ländlichen Denkmalpflege wegweisende Erfahrungen vermitteln. Ebenso faszinierend wie für die Fachwelt ist das Experiment mit der «Ferme Guillierme-Pastori», wie das Gebäude nach seinen letzten Besitzern genannt wird, jedoch auch für den Museumsbesucher.

Erstmals für das Freilichtmuseum Ballenberg wurde versucht, ein Bauernhaus nicht in einem früheren Zustand zu rekonstruieren, sondern alle Veränderungen vergangener Jahrhunderte sozusagen im Zeitraffer nachzuvollziehen und sichtbar zu machen. Das Bauernhaus von Lancy vermittelt faszinierende Einblicke in die Entwicklung der Baumaterialien und in jene geschichtlichen Prozesse, die immer wieder zu neuen Bauernhaustypen geführt haben.
Dieses anspruchsvolle didaktische Programm lässt sich nicht am Beispiel aller Bauernhäuser verwirklichen. Das grosse Vielzweckhaus, das in Lancy dem Bau eines neuen Tramdepots weichen musste, eignet sich in idealer Weise zum Experimentieren.

Die Baugeschichte lässt sich in drei abgeschlossene Phasen unterteilen. Jede dieser Bauetappen entspricht einer für den Kanton Genf charakteris-tischen Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Die Altersbestimmung der Holzteile ergab drei genaue Bau- und Umbaudaten.
Im Jahre 1762 wurde von der Familie Chaulet eine kleine Trotte im unweit des Dorfes Lancy gelegenen Rebberg aufgerichtet. Die vier gemauerten Wände überdeckte ein flaches Hohlziegeldach. 1788 kaufte Joseph Guillierme den Rebberg und erweiterte die Trotte zu einem Bauernhaus. Er hatte bereits eine abenteuerliche Karriere als Soldat hinter sich und widmete sich nun der Landwirtschaft.

Das Bauernhaus entstand in drei Etappen, die drei verschiedene Stadien der Landwirtschaftsgeschichte widerspiegeln. Aus der Trotte des Weinbauern wurde ein Vielzweckhaus, aus dem Bauernhaus entstand eine Generation später das Ökonomiegebäude eines Gutshofes.

Um 1820 erfolgte eine erneute Erweiterung des Gebäudes. Aus dem Bauernhaus entstand ein grossvolumiges Ökonomiegebäude, das mit zwei langen Ställen gegen 50 Stück Vieh aufnehmen konnte. In der kleinen Wohnung fand der Pächter Unterkunft, während das Herrschaftshaus in vornehmem Abstand zur Landwirtschaft errichtet wurde.
Für jede dieser Bauphasen wurden unterschiedlichste Materialien verwendet. Die Trotte von 1762 wurde noch mehrheitlich mit jenen Materialien aufgerichtet, die man an Ort und Stelle gefunden hatte. Für den Ausbau von 1796 und insbesondere für den Taubenschlag verwendete man Steine des Schlosses von Saconnex, das in diesen Jahren abgebrochen wurde. Als Lüftungs- und Fluglöcher dienten mittelalterliche Schiessscharten.
Die Wände der Erweiterung von 1820 bestehen teilweise aus gestampftem Lehm und Häcksel. Ein Lehrpfad durch das Haus erläutert die einzelnen Baumaterialien und Konstruktionstechniken.
Die Wohn- und Wirtschaftsweise des frühen 19. Jahrhunderts mutet bescheiden an. Das Bauernhaus besitzt keine Stube, sondern nur eine Wohnküche, wie sie im mediterranen Raum üblich ist. Sie wird durch ein offenes Herdfeuer geheizt. Im Obergeschoss befinden sich einfache Kammern. Die grossen Ställe sind für einen möglichst rationellen Arbeitsablauf eingerichtet. Man spürt, dass hier fast ausschliesslich für den Markt produziert wurde. Hinter dem Haus befindet sich ein ummauerter Hof, der als Auslauf für das Vieh benutzt wurde.

Joseph Guillierme:
Soldat und Gärtner
Der Erbauer des Bauernhauses von Lancy, Joseph Guillierme (1745–1826), wurde in Saint-Génix bei Chambéry geboren. Die sardische Obrigkeit sandte ihn vermutlich zur Ausbildung im Obstbau nach Pommern. Seine Körpergrösse von über zwei Metern wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde für die Ehrengarde des preussischen Königs zwangsrekrutiert und erst nach ausgiebigen diplomatischen Bemühungen wieder nach Hause entlassen.
Um 1776 reiste Joseph Guillierme nach Den Haag und Paris, um seine Ausbildung zu vervollständigen, dann übernahm er einen Bauernhof bei Frangy. 1788 heiratete er und liess sich auf dem Landgut «Les Avanchis» nieder, zu dem unser Haus von Lancy gehörte. Sein Landgut wechselte in den Wirren um 1800 fünfmal die Staatszugehörigkeit.