Nr. 1111
Das kleine Wohnhaus von Blatten im Lötschental ist eines der ältesten datierten Walliser Bauernhäuser. Es vermittelt einen lebendigen Eindruck der Lebensweise im 16. und 17. Jahrhundert.
Das zweigeschossige Haus stand unmittelbar neben der alten Dorfkirche. Beim Neubau des Gotteshauses musste es der Baugrube und einer Stützmauer weichen.
Der historische Wert dieses Hauses ist unbestritten. Bereits die Geschwister Anneler haben es in ihrer 1917 erschienenen Monographie als charakteristisches Haus des Tales aus dem 16. Jahrhundert dargestellt. Die Jahrzahl 1568 findet sich im Jochbalken der Stubendecke eingraviert und – zu unserer Überraschung – auch an einer versteckten Stelle des Firstbalkens. Alles Holz der Hauptkonstruktion ist dem Fälljahr 1567 zuzuordnen.
Die Konstruktion ist einfach und elementar. Auf einem Sockelgeschoss aus Trockenmauern wurde ein zweiräumiger Blockbau errichtet. Das Haus umfasst zwei Geschosse und ist mit einem einfachen Rafendach überdeckt. Bergseits ist die grösstenteils von Trockenmauern umgebene Küche angebaut. In ihr befindet sich eine offene Feuerstelle, von wo auch der neu aufgesetzte Specksteinofen in der Stube eingeheizt werden kann.
In den Lötschentaler Dörfern waren die Menschen zum Zusammenleben auf engstem Raum gezwungen. Nur wenige Siedlungsplätze waren über Jahrhunderte hinweg vor Lawinen geschützt. Im Winter war das kleine Bergtal oft mehrere Wochen lang von der Umwelt abgeschnitten. Wie die Nahrung, so mussten auch Möbel, Gerätschaften und Kleidung aus eigenen Ressourcen geschaffen werden.
Man betritt das Wohnhaus durch die Küche. Hier sind auch Werkzeuge und Gerätschaften untergebracht. Am offenen Herdfeuer wurde über den Winter hinweg gekäst. Ebenso enge Verhältnisse herrschten in der Stube. Sie diente der Familie im Winter als einziger geheizter Wohn- und Arbeitsraum. Der Jochbalken der Stubendecke weist neben Verzierungen auch die Jahreszahl 1568 auf. Auf wenigen Quadratmetern finden sich hier Tisch, Sitzgelegenheiten, Arbeitsgeräte und Schlafplätze. Eine Leiter führt ins Obergeschoss, wo weitere einfache Betten aufgestellt sind.
Die unten stehende Abbildung zeigt den Grundriss des Wohngeschosses eines typischen Lötschentaler Hauses.
Nur schwer kann man sich vorstellen, wie in einem derart einfachen Wohnhaus ein halbes Dutzend Leute überwinterte. Einige Geräte und Einrichtungen belegen ihre Improvisationskunst, die in diesem abgeschiedenen Bergtal zum Überleben notwendig war.
Improvisiert ist auch der schon seit dem 18. Jahrhundert zum Haus gehörende Heustall von Blatten VS (Nr. 1112). Er ist aus Holz zusammengeflickt, das aus Lawinenschutt geborgen wurde. Das Untergeschoss diente der Tierhaltung, im Obergeschoss war Heu eingelagert. Neben dem Haus befindet sich in noch elementareren Architekturformen ein Schweinestall.
Die Entdeckung des Lötschentals
1912 besuchte die Schriftstellerin Hedwig Anneler ihren Bruder Karl, der sich einige Monate zuvor in Blatten zum Malen niedergelassen hatte. Im damals nur durch Saumpfade zugänglichen Lötschental verbrachten die beiden Geschwister zwei arbeitsreiche Jahre. Sie sammelten nahezu alles, was über die urtümliche Lebensweise der Lötschentaler wissenswert war, von der Landwirtschaft bis hin zu religiösen Bräuchen. Mitten im Ersten Weltkrieg erschien die umfassende Talmonographie «Lötschen» mit einer Vielfalt von Angaben, Anmerkungen, Anekdoten und vor allem auch Illustrationen. Damit war das Lötschental für die Volks- und Landeskunde erschlossen. Für den Tourismus zugänglich wurde das einst stille Bergtal mit der Eröffnung der Lötschbergbahn, die den internationalen Zugverkehr seit 1913 eine halbe Wegstunde vor Ferden vorbeibrausen lässt.

